Der Lengericher Gedenkpfad
Der Lengericher Gedenkpfad erinnert an die staatlich organisierten Krankenmorde während der Zeit des Nationalsozialismus und informiert über das erlittene Unrecht.
Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen der damaligen Provinzialheilanstalt Lengerich waren beteiligt und tragen Mitschuld. Sie haben Meldebögen über psychisch kranke Menschen ausgefüllt, bei der Organisation der Krankentransporte geholfen und auf diese Weise die „Euthanasie“ genannten Krankentötungen mit vorbereitet.
Ein blaues Minus - (Leben) oder ein rotes Plus + (Tod) auf den Meldebögen entschied in Berlin über Leben oder Tod. Namentlich bekannt sind 440 Patienten und Patientinnen, die aus dieser Klinik mit dem Ziel der Tötung abtransportiert wurden.
Es ist unbegreiflich, dass diese schrecklichen und nicht entschuldbaren Verbrechen gegen psychisch kranke Menschen geschehen konnten und dass sich viele der Täter nach 1945 weder menschlich noch juristisch verantworten mussten. Betroffene und Angehörige mussten es als Unrecht empfinden, dass die geschichtliche Aufarbeitung erst mit Jahrzehnten der Verzögerung begann.
Das gedenkende Erinnern an dieses Unrecht verpflichtet die LWL-Klinik Lengerich und alle Mitarbeitenden im beruflichen Handeln. Zwei Fragen stellen sich immer wieder neu:
Wofür steht die Klinik ein? Wonach richten wir unser Handeln aus?
Die Idee
Auf Initiative von Beschäftigten wurde 1983 erstmalig eine Gedenktafel im Eingangsbereich der Klinik angebracht.
Diese Tafel erinnerte in den kommenden Jahren alle Betrachter daran, dass auch Patientinnen und Patienten der damaligen Provinzial-Heilanstalt Lengerich Opfer von Krankenmorden geworden sind.
Ab 2007 erarbeitete eine moderierte Gruppe von Vertreterinnen und Vertretern der verschiedensten Berufsgruppen ein neues Klinikleitbild. In diesem Zusammenhang sahen sich alle Beteiligten in der Verantwortung, sich für eine Form des Gedenkens einzusetzen, die über die Aussagen der bisherigen Tafel hinaus gehen sollte.
Auch aus der Aufarbeitung der Geschichte der Klinik im Rahmen der 150 Jahr-Feier wuchs die Erkenntnis, für die Opfer der Morde und Deportationen in der NS-Zeit einen angemesseneren Gedenkort zu gestalten.
Die Betriebsleitung beauftragte das Ethik-Komitee der LWL-Klinik Lengerich, Vorschläge für ein Gedenkprojekt zu erarbeiten. Danach initiierte sie im September 2015 die Gründung einer Projektgruppe zur Gestaltung eines Gedenkortes für die Opfer der „Euthanasie“.
Die Gruppe setzte sich aus aktiven und ehemaligen Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen der Klinik, des Wohnverbundes, einer Psychiatrieerfahrenen sowie Lengericher Bürgern und kundigen Interessierten zusammen. Durch intensive Diskussionen, viel Lernen und Anschauen bildete sich die Idee eines Gedenkpfades heraus, der das Gedenken an die Krankenmorde öffentlich und in besonderer Weise sichtbar und erfahrbar machen sollte.
Zur Umsetzung dieser Idee wurde die Projektgruppe im weiteren Verlauf durch den Künstler Mandir Tix erweitert.
Auftrag und Ausblick
Wir wollen nicht nur erinnern. Unsere Verpflichtung besteht darin,für eine humane Psychiatrie als Teil einer lebenswerten Gesellschaft Sorge zu tragen. Der gedenkende Blick auf unsere Geschichte verpflichtet zu einer Kultur der Inklusion und des Friedens.
Der Pfad
Sandsteine mit Zahlen und den Symbolen des blauen Minus - und des roten Plus + markieren den Weg. 440 Steine erinnern an die einzelnen Opfer. Namentlich wird ihrer im Innenhof gedacht. Der Lengericher Gedenkpfad ist kein vollendetes Denkmal. Er lädt ein, sich durch eine aktive Erinnerungskultur an seiner Fortentwicklung zu beteiligen.
Entstehungsgeschichte
1983 Erstmalige Auseinandersetzung
2007 Leitbildentwicklung
2014 Aufarbeitung der Klinikgeschichte im Rahmen des 150-jährigen Bestehens
2015 Entscheidung der Betriebsleitung zur Gründung einer Projektgruppe
31.05.2017 Grundsteinlegung des Lengericher Gedenkpfads
21.09.2017 Feierliche Eröffnung des Lengericher Gedenkpfads
2018 Darstellung des Einzelschicksals von Katharina Schulte Mesum aus Rheine Mesum
2019 Aufführung des Euthanasie Dokumentationsstück: „Der Fall Ernst Lossa vor Gericht“
2020 Verlegt von Lengerich nach Weilmünster – Lesung von Barbara Stellbrink Kesy
2021 Musikalisches Erinnern mit Kai Niggeman - elektroakustisches Gesprächskonzert auf den Modularen Synthesizer
2022 Aktives Erinnern in gestalterischer und gedanklicher Form - 440 Schüler:innen erinnern an die Anzahl der deportierten Patient:innen
2023 Eröffnung der Skulpturengruppe zur Zwangssterilisation
2024 Ausstellungseröffnung Vergessenen begegnen und die Leidensgeschichte von Elli Goldbeck
Veranstaltungen
Aktives Erinnern am 21. September 2025
Die LWL-Klinik Lengerich lud auch 2025 wieder zum gemeinsamen „Aktiven Erinnern“ ein: Am Sonntag, 21. September 2025 begann die Veranstaltung um 14.30 Uhr an der Pforte der Klinik und führte über den Lengericher Gedenkpfad schließlich in den Festsaal, wo eine neue Publikation der Klinik vorgestellt und in Talkrunden thematisiert wurde. „Ich bin nicht einverstanden“ lautet der Titel der Broschüre. Er ist ein überliefertes Zitat von Elli Goldbeck, die in der Zeit des Nationalsozialismus Patientin der Klinik, damals „Provinzialheilanstalt Lengerich“ war. Ihre Leidensgeschichte wurde von einer Autorengruppe intensiv aufgearbeitet und jetzt veröffentlicht.
Die 52-seitige Broschüre kann hier bestellt werden:
Skulpturengruppe zur Zwangssterilisation
Aktives Erinnern am 21. September 2023 in der LWL-Klinik Lengerich
Beim siebten Aktiven Erinnern in der LWL-Klinik Lengerich wurde der Lengericher Gedenkpfad um das wichtige Thema der Zwangssterilisation erweitert. Die Zwangssterilisation ist neben den staatlich organisierten Krankenmorden 1940/41 ein zweites dunkles Kapitel in der Geschichte der LWL-Klinik Lengerich. „Es ist wichtig, dass wir uns auch daran erinnern, um sicherzustellen, dass solche Menschenrechtsverletzungen nie wieder passieren“, war die Motivation der Arbeitsgruppe Gedenkpfad für ein neues Denkmal.
In einen mehrjährigen Prozess hatte sich die Arbeitsgruppe mit dieser Thematik beschäftigt. Die AG und die Betriebsleitung der LWL-Klinik Lengerich sind zum einen Sandra Holtrup sehr dankbar, die für die LWL-Klinik Lengerich zum Thema Zwangssterilisation ausgiebig geforscht hat. Die Ergebnisse ihrer Forschung zur „Zwangssterilisation in der Provinzialheilanstalt Lengerich von 1933 bis 1945“ stellte sie am 21. September im Festsaal vor.
Die Eröffnung der neuen Skulpturengruppe zum Gedenken an die Opfer von Zwangssterilisationen ist für die LWL-Klinik Lengerich ein weiterer Schritt in Richtung Aufarbeitung ihrer Vergangenheit. Sie soll ein Moment des Gedenkens, des Mitfühlens und ein Aufruf zum Handeln sein, damit solche Gräueltaten nie wieder geschehen.
Bildtext: Die Sandsteinskulptur von Mandir Tix wurde am 21. September 2023 enthüllt.
Foto: Mandir Tix
Weitere Informationen finden Sie in den Links.
Aktives Erinnern jedes Jahr am 21. September
An jedem 21. September erinnern die Menschen am Lengericher Gedenkpfad daran, dass am 21. September 1940 die ersten sieben jüdischen Patienten geholt wurden.
Dieses Wissen verpflichtet die LWL-Klinik Lengerich und alle Mitarbeitenden auch im beruflichen Handeln heute.
Links
- "Gedenken muss dahin, wo's wehtut" - Was ist Gedenken? Wie geht gutes Gedenken? LWL-Klinik Lengerich gedenkt NS-Opfern - Webseite des LWL
- Gedenkpfad LWL-Klinik Lengerich - Webseite der Universität Münster
- Webseite des Künstlers Mandir Tix über den Lengericher Gedenkpfad
- Fotografischer 360-Grad Rundgang durch einen Abschnitt des Lengericher Gedenkpfades
- Buch "Unerhörte Geschichte" von Barbara Stellbrink-Kesy
- Text von Sandra Holtrup: NS-Zwangssterilisationen in der Provinzialheilanstalt Lengerich (1933-1945) (PDF nicht barrierefrei)
- Erläuterungen zur dreiteiligen Skulpturengruppe zur Zwangssterilisation (PDF nicht barrierefrei)
Gedenkpfad
"Ich bin nicht einverstanden - NS-Zwangssterilisationen in der Provinzialheilanstalt Lengerich"
Lengericher Gedenkpfad
Mehr Informationen zum Gedenkpfad finden Sie in dieser Broschüre:
Presseberichte über den Lengericher Gedenkpfad
erschienen in den Westfälischen Nachrichten
- 13.09.2025 Gedenkveranstaltung am 21. September - 407 Patienten wurden zwangssterilisiert
- 22.09.2024 LWL-Klinik: Ausstellung „Vergessenen begegnen“ eröffnet - Einzelschicksale zeigen das Grauen der NS-Zeit
- 21.09.2023 LWL-Klinik: Gedenktag für Opfer während der NS-Zeit - Neue Skulptur erinnert an Zwangssterilisierte
- 21.09.2022 HAG-Schüler gestalten Gedenkfeier mit - Eindrucksvolles Erinnern
- 07.03.2022 Wanderausstellung „Spurensuche_n im Gestern und Heute“ eröffnet - Türen in die dunkle Vergangenheit
- 22.09.2021 LWL-Klinik: Gedenkveranstaltung für NS-Opfer - Wenn alle schweigen
- 04.09.2019 LWL-Klinik erinnert mit Theaterstück an Euthanasie-Opfer - „Widerliche Gedanken“
- 23.09.2019 Euthanasie-Opfer der LWL-Klinik - Theaterstück geht unter die Haut
- 22.09.2017 LWL-Klinik: Gedenkpfad eröffnet - 440 Namen mahnen
- 12.08.2017 LWL-Klinik Lengerich - „Antworten gibt es nicht“
- 31.05.2017 LWL-Klinik Lengerich - Steine als Mahnung
Pressemitteilungen zum Lengericher Gedenkpfad
Weiterentwicklung
Wir sind an Ideen zur Weiterentwicklung des Lengericher Gedenkpfades interessiert und wollen damit eine aktive Erinnerungskultur unserer Klinikgeschichte erschließen und fördern.